Ein Brief voller Leben

Damals, während meiner Schulzeit, wurde von der deutschen Post weltweite Brieffreundschaften vermittelt. Das Programm hieß LetterNet. Mir ist es daher so gut in Erinnerung geblieben, da ich dort meine 1. Brieffreundin aus England vermittelt bekommen hatte. Diese Freundschaft hielt 3 Jahre lang. Dann verzog die Brieffreundin; ohne die neue Anschrift mitzuteilen; ohne wieder einmal zu schreiben. Der Kontakt schlief ein. Danach folgte die nächste langjährige Brieffreundschaft nach Osteuropa. Auch dort schlief der Kontakt wieder ein. Die Prioritäten der Interessen hatten sich verändert. Von beiden Seiten.

Die Zeit in Worten

Noch heute denke ich immer wieder an die Briefwechsel zurück. Man lief regelmäßig an den Briefkasten und schaute ob ein Schreiben mit dabei war. Es war wie das Warten auf Weihnachten, wo man endlich die Geschenke auspacken durfte. Nur eben mehrmals im Jahr. Manchmal zog der Briefträger bereits von weitem den Brief aus der Tasche und gab ihn schon am frühen Morgen auf dem Schulweg mit zum Lesen. Man kannte mit der Zeit die Umschläge. Teilweise hatte man sich viel Mühe mit den Verzierungen gegeben. Zu Schade, dass ich manche Umschläge verloren habe. Die Briefe waren nicht nur wegen den Umschlägen etwas Besonderes. Es war mehr der Inhalt, auf den es ankam. Manchmal heiter, manchmal traurig, manchmal aufbauen – Alles war dabei. Es war das persönliche, dass miteinander verband. Inzwischen gibt es das LetterNet nicht mehr. Zu wenige haben sich für den klassischen Briefwechsel interessiert. Oder sind zum Suchen auf digitale Plattformen umgestiegen. Heute wird der Kontakt häufig über soziale Medien und eMail gehalten. Alles muss in Echtzeit passieren. Möglichst schnell. In knappen, präzisen Sätzen. Kaum jemand nimmt sich noch die Zeit, einen persönlichen Brief von Hand zu schreiben. Zu erzählen, was man erlebt hat. In Zeiten des günstigen Internets, auf das man jederzeit überall Zugriff hat, ist das kein Wunder. Aber ist es das wert? Inzwischen ist der Gang zum Briefkasten nicht mehr so geliebt. Meistens sind es Werbeeinwürfe oder Rechnungen. Auf das verzichte ich gerne. Wie viele andere auch. Oder? Mir fehlt das Warten auf den Briefträger. Das Warten auf liebe Worte, den Erzählungen. Geht das nur mir so?

Schreiben kann beruhigend wirken

Meine Tochter fragte mich vor kurzem, ob es die Möglichkeit der Brieffreundschaften gibt. Wie gerne hätte ich sofort ja gesagt. Bis der Tag kam, an dem man auch das positive in sozialen Netzwerken findet. Was damals von der Deutschen Post organisiert wurde, wird heute in Gruppen selbst gemeistert. Während meine Tochter Brieffreundinnen gefunden hat, habe auch ich mich an einen neuen Versuch gewagt. Der erste Brief wurde abgeschickt. Der Flash-Back ist auch schon da. Das Schreiben des Briefes hat mich auch diesmal wieder sehr beruhigt. Die Auszeit aus dem schnelllebigen Alltag hat gut getan. Was jetzt noch fehlt ist die Ungeduld auf die Antwort.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.